Gelassener werden im Alltag – was das wirklich bedeutet

May 20, 2026
 

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(Und warum es nicht das ist, was du wahrscheinlich denkst!)

Kennst du das Gefühl, wenn du aus einer Situation herausgehst und denkst:
Wie konnte mich das so aus der Bahn werfen?

Vielleicht war es ein Mitarbeitergespräch, das plötzlich eine unerwartete Wendung genommen hat. Eine Kundin, die trotz aller Bemühungen unzufrieden bleibt. Ein Teammeeting, in dem du merkst, dass du innerlich längst nicht mehr so ruhig bist, wie du nach außen wirkst.

Oder es war etwas ganz Alltägliches. Ein Schneider, der deinen Mantel nicht rechtzeitig fertig hat. Ein Fremder im Café, der eine ungebetene Bemerkung macht. Der Partner, der die Küche nicht zu Ende aufräumt.

Groß oder klein – die Reaktion kommt. Schneller als du willst.

Ich kenne das sehr gut. Und die gute Nachricht ist, dass Gelassenheit nicht etwas ist, das manche Menschen einfach haben – und andere nicht. Eine Art Charaktereigenschaft, mit der man geboren wird oder eben nicht.

Gelassenheit ist kein Persönlichkeitsmerkmal. Es ist ein innerer Zustand, der sich entwickeln lässt. Nicht durch Willenskraft oder Selbstdisziplin, sondern durch ein tieferes Verständnis dafür, wie unser Erleben entsteht und wo uns Erwartungen den Weg schwerer machen, als er es sein müsste.

Darum geht es in diesem Artikel.



Was Gelassenheit wirklich ist

Gelassenheit bedeutet nicht, dass dich nichts mehr berührt. Es bedeutet nicht, nett zu lächeln, während du innerlich explodierst. Das ist People Pleasing – und das hat mit Gelassenheit nichts zu tun.

Ich habe das selbst lange verwechselt. Gelassenheit nach außen zeigen, während innen die Ampel längst auf Rot steht – das hat mich nicht ruhiger gemacht. Es hat mich erschöpft.

Echte Gelassenheit ist für mich die Fähigkeit, einen Moment früher innezuhalten. Kurz bevor die Reaktion losgeht. Zu sehen, woher mein Ärger oder meine Reaktion wirklich kommt.

Nicht immer – aber öfter. Es ist auch die Fähigkeit, bei sich selbst zu bleiben, wenn es ungemütlich wird. Nicht wegducken, nicht eskalieren. Einfach bei sich sein.

In den 3 Prinzipien nennen wir das einen höheren Bewusstseinszustand – und von dort aus sieht alles ein kleines bisschen klarer aus.

Und wenn es doch nicht klappt? Dann ist Gelassenheit auch das: sich selbst so anzunehmen, wie man gerade ist. Wir sind Menschen. Wir reagieren. Das wird uns immer wieder passieren. Die Frage ist nur, wie schnell wir wieder zu uns zurückfinden.



Warum es nie am Schneider liegt

Ich habe meinen Mantel in die Änderungsschneiderei gebracht. Und als ich vier Wochen später zurückkam, war nichts gemacht. Nichts. Der Schneider hat nicht mal angefangen.

In meinem Inneren ging ich direkt von kaltem auf kochendes Wasser, als wäre ich ein Schnellkochtopf in Person. In puncto Gelassenheit habe ich mit einem großen V versagt.

Es ging alles sehr schnell, aber ich konnte mich selbst dabei beobachten: Ich bin weder wirklich nett oder verständnisvoll geblieben, noch habe ich klar und deutlich gesagt, wie ich mich fühle und was ich jetzt möchte.

Stattdessen bin ich wie ein kleines, trotziges Kind aus dem Laden geschlichen, habe nichts geklärt und keine neue Vereinbarung getroffen, wie wir jetzt weitermachen.

Einfach raus.

Was hat mich wirklich getriggert?

Es war nicht der Mantel.

Es war auch nicht der Schneider.

Es waren meine unerfüllten Erwartungen. Meine Geschichte, die ich mitgebracht hatte: Ich habe dem Schneider viel Zeit gelassen. Ich war geduldig. Und jetzt das!

Daraufhin war es mein innerer Zustand, der in weniger als zwei Sekunden auf ein niedrigeres Niveau gesunken war. So zügig, dass ich ihn nicht auffangen konnte.

Als ich das mit meiner Podcast-Partnerin Sandra Heim besprochen habe, sagte sie:

Eine frisch verliebte Person wäre in derselben Situation vielleicht vollkommen entspannt aus dem Laden gegangen. Kein Problem, ich komme in zwei Wochen wieder. Und hätte das wirklich so gemeint.

Ich wusste natürlich, dass sie recht hatte.

Denn es liegt nie am äußeren Zustand, auch nicht an unserem Gegenüber – auch wenn es oft den Anschein erweckt.

Es liegt stets an dem, was wir innerlich mitbringen. Wir fühlen unsere eigenen Gedanken im Moment. Immer.

Das ist die gute und die schlechte Nachricht zugleich. Und gleichzeitig ist sie der Kern dessen, was die 3 Prinzipien so befreiend macht: Wenn das Erleben von innen entsteht, kann es sich auch von innen verändern – ohne dass sich außen irgendetwas ändern muss.



Getrennte Realitäten –
und warum das befreit

Sydney Banks, auf dessen Gedanken meine Arbeit mit den 3 Prinzipien aufbaut, sagt: „Wir leben alle in getrennten Realitäten."

Das heißt, jeder Mensch trägt sein eigenes Konstrukt aus Gedanken, Erwartungen, Erfahrungen … und übrigens auch Launen mit sich herum. Kein anderer Mensch lebt in exakt derselben Realität wie du.

Wenn ich mich daran erinnere, wird es leichter.

Dann halte ich kurz inne und denke mir: Moment mal – vielleicht ist es gar nicht so, wie ich es gerade sehe. Vielleicht interpretiere ich die Situation falsch. Oder vielleicht hat der Schneider gerade etwas um die Ohren, von dem ich nichts weiß.

(Übrigens: Er hatte den schwarzen Samt für meinen Mantelkragen nicht bekommen und hatte meine Handynummer nicht, um mich zu informieren. Wäre ich neugierig geblieben statt reaktiv, hätte ich das viel früher erfahren.)



Neugierde als Schlüssel zur Gelassenheit

Ich denke oft an meine Freundin und Coach-Kollegin Lea Wernli, wenn es ums Thema Gelassenheit geht.

Sie geht durch die Welt mit einer Leichtigkeit, die mich immer wieder fasziniert. Als hätte sie die meisten inneren Bewertungen und Erwartungen, die wir anderen mit uns herumtragen, irgendwo abgeladen.

Einmal besuchte sie ihre Freundin Helga in Berlin. In einem Café bestellte sie einen Latte mit Kuhmilch. Ein Mann am Nebentisch hatte es gehört. Er war Veganer – aus tiefer Überzeugung – und sprach sie direkt darauf an. Keine sanfte Einleitung.

Sie lächelte ihn an und sagte: „Erzähl mir mehr."

Statt beleidigt zu reagieren oder dicht zu machen, blieb sie neugierig. Was bewegt diesen Menschen? Was steckt hinter seiner Haltung? Was ist seine Geschichte?

Das ist kein naives Wegsehen. Das ist eine Wahl. Eine Entscheidung, offen zu bleiben, statt im Recht-haben-wollen zu versinken.

Recht haben wollen. Das ist übrigens einer der größten Gelassenheitsräuber, den ich kenne.

Und ich kenne das natürlich sehr gut. Ich habe den Mantel vor vier Wochen gebracht. Er hat gesagt, dass er in zwei Wochen fertig ist.

Und jetzt?

Das stimmt alles. Aber selbst wenn ich recht habe, was habe ich wirklich davon, wenn ich jetzt darauf bestehe? Meinen Seelenfrieden ganz sicher nicht.

Und ich bin in dem Moment nicht mehr wirklich in Beziehung mit der anderen Person. Ich bin nur noch mit meinem Recht beschäftigt.

Dabei wäre Neugierde so viel leichter.



Erwartungen vs. Vereinbarungen –
ein Unterschied, der alles verändert

Mein Lieblingspraktiker-Tipp zum Thema „Gelassenheit im Umgang mit anderen" stammt von Steve Chandler, einem ziemlich bekannten 3P-Coach und Autor, der unzählige Bücher geschrieben hat. Er stellt eine einfache Frage:

Hast du eine Vereinbarung?

Keine Erwartung, sondern eine echte Vereinbarung – bei der der andere wirklich Ja gesagt hat.

Ich habe das im Alltag ausprobiert – mit meinem Mann, wegen der Küche. Über Jahre habe ich mich innerlich aufgeregt, wenn er die Spülmaschine ausgeräumt und die restliche Küche für mein Empfinden in Trümmern gelassen hat.

Hier eine dreckige Pfanne auf dem Herd, dort Oberflächen, die niemand abgewischt hatte, und drei saubere Tupperdosen samt Servierlöffel neben der Spüle – anstatt an ihrem eigentlichen Platz im Schrank oder in einer Schublade.

Ich meine, er lebt seit zwanzig Jahren in diesem Haus. Er weiß, wo der Kühlschrank steht. Er findet nachts im Dunkeln den Weg zur Toilette. Aber wo der Servierlöffel hingehört? Komplettes Mysterium! Was eine fertige Küche bedeutet? Offenbar auch.

Ich habe nichts gesagt. Meinen Ärger habe ich einfach in mich hineingefressen, still und sehr ungelassen. Ich habe erwartet, dass er es weiß … und dachte, er tut es einfach nicht.

Doch er wusste es tatsächlich nicht. Er hatte keine Ahnung, was für mich „Küche fertig machen" bedeutet.

Also haben wir uns an einem ruhigen Abend zusammengesetzt – beide in gutem innerem Zustand – und besprochen, was es genau heißt. Töpfe weg, Pfannen gespült und getrocknet, Oberflächen abgewischt, Hundefutter unter der Ablage sortiert. Alles.

Und stelle dir vor … er hat gesagt: „Ja, kann ich machen. Ich wusste gar nicht, dass dir das so wichtig ist." Seitdem läuft es. Weil wir eine klare Vereinbarung haben.

Es klingt banal. Aber ich sage dir – dieser eine Abend hat mir mehr Gelassenheit geschenkt als Jahre des stillen Ärgerns.

Die Frage, die ich mir seitdem stelle:

Habe ich in dieser Situation eine echte Vereinbarung – oder nur eine Erwartung in meinem Kopf, von der die andere Person nichts weiß?



Was gelassene Menschen anders machen

Wir können uns in diesem Artikel nicht alles über Gelassenheit ansehen, aber ich habe versucht, das unten in ein paar Punkte zusammenzufassen. Nicht als Checkliste zum Abhaken, sondern als Einladung zum Nachdenken:

Gelassene Menschen wissen, dass unser Erleben von innen heraus entsteht – und warten nicht auf die richtigen Umstände, um sich entspannt zu fühlen.

Gelassene Menschen wissen, dass wir in getrennten Realitäten leben – und gestehen sich ein, dass ihre eigene Sicht nicht die einzige Wahrheit ist.

Gelassene Menschen bleiben neugierig – statt zu reagieren und zu urteilen.

Gelassene Menschen treffen Vereinbarungen – statt Erwartungen durch die Gegend zu tragen, die niemand kennt.

Gelassene Menschen warten auf ein Ja – sie fragen. Sie sind offen für ein Nein.

Gelassene Menschen beobachten sich selbst – sie sehen, wenn sie rausfliegen, und vergeben sich dafür.



Gelassenheit ist keine Technik.
Es ist ein Weg.

Es ist ein Bewusstseinsweg. Kein Endzustand, den man einmal erreicht und dann hat.

Es geht um kleine Schritte. Ein kleines bisschen mehr Wahrheit sehen. Ein kleines bisschen bewusster hinschauen. Das kann bereits zu einem ganz anderen Lebensgefühl führen.

Und vielleicht ist Gelassenheit, wenn man ehrlich ist, auch eine Form der Selbstliebe. Andere profitieren davon, ja. Aber in erster Linie ist es angenehmer – für dich.



Magst du mir schreiben, was dich aus deiner Gelassenheit herauswirft?
Wo ist dein Schneider-Moment?
Ich lese und beantworte alle Nachrichten:
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Und falls du die Leichter Leben Podcast-Episode zu
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Leichter Leben Podcast – Gelassener werden im Alltag





Shailia Stephens ist Life & Business Coach in der Nähe von Frankfurt am Main. Sie begleitet Führungskräfte, Selbständige und ganz normale Menschen mitten in ihrem wunderbaren Leben zurück zu innerer Ruhe und entspanntem Erfolg – auf Basis der 3 Prinzipien von Sydney Banks.

 

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