Sorgen loslassen: Was eine Witwe in Uganda und ein Millionär gemeinsam haben

Jun 25, 2026
 

 

Der Moment, in dem du merkst: Ich lebe nicht. Ich sorge mich.

Kennst du das Gefühl, wenn du mitten in einem schönen Moment bist – ein freier Nachmittag, ein Urlaub mit der Familie, ein ruhiger Morgen – und du bist trotzdem nicht wirklich da?

Gedanklich bist du woanders. Du denkst an das noch ausstehende Gespräch. An die Situation, die sich nicht lösen lässt. An das, was passieren könnte, wenn es nicht so läuft, wie du dir das vorstellst.

Dein Körper sitzt am Tisch. Dein Geist ist schon drei Schritte weiter – in einem inneren Film, den du dir selbst produzierst. Voller Szenarien. Voller möglicher Ausgänge. Voller Sorge.

Ich kenne das sehr gut. Und ich glaube, du auch.

Irgendwann auf meinem eigenen Entwicklungsweg bin ich auf ein Buch gestoßen, dessen Titel mich wie ein Spiegel getroffen hat: „Sorge dich nicht – lebe" von Dale Carnegie. Ich habe das gelesen und gedacht: Herrgott. Das bin ich. Ich lebe nicht. Ich mache mir die ganze Zeit Sorgen.

Das Buch war 1948 veröffentlicht worden. Und doch – die Geschichten darin, die Situationen, die Menschen – alles wirkte so aktuell. So jetzt. So wie mein Leben.

Was mich am meisten beeindruckt hat: Die Menschen damals haben sich über dieselben Dinge gesorgt wie wir heute. Sorgen sind so alt wie die Menschheit. Und doch verstehen wir noch immer kaum, was sie wirklich mit uns machen.

Darum geht es in diesem Artikel.



Inhaltsverzeichnis

  • Sorgen machen hat eine hilfreiche Funktion – bis zu einem Punkt
  • Was ungesundes Sorgen wirklich ist
  • Eine Begegnung, die mich nicht loslässt
  • Das ist universell – für die Witwe und für den Millionär
  • Wie du die Gedankenspirale stoppst: Der Moment der Weggabelung
  • Was wirklich hilft: Wahrnehmen, loslassen, dankbar werden
  • Häufige Fragen zum Thema Sorgen loslassen
  • Du bist nicht falsch, weil du dir Sorgen machst



Sorgen machen hat eine hilfreiche Funktion – bis zu einem Punkt

Ich möchte mit etwas beginnen, das vielleicht überraschend klingt: Sich Sorgen zu machen ist nicht per se falsch. Es gibt eine gesunde Form davon.

Wenn du merkst, dass etwas nicht stimmt – dass dein Kind Fieber hat, dass eine wichtige Deadline näher rückt, dass ein Gespräch überfällig ist – dann ist das ein sinnvoller innerer Impuls. Er bewegt dich zur Handlung. Er hilft dir, eine Situation wahrzunehmen und darauf zu reagieren.

Das ist die gesunde Funktion von Sorgen. Sie zeigen dir: Hier ist etwas, das deine Aufmerksamkeit verdient.

Aber dann gibt es eine Grenze.

Und hinter dieser Grenze beginnt etwas, das sich immer noch wie Fürsorge anfühlt – wie Verantwortungsbewusstsein, wie Ernstnehmen – aber in Wahrheit etwas ganz anderes ist.

Hinter dieser Grenze beginnt das, was ich ungesundes Sorgen nenne.



Was ungesundes Sorgen wirklich ist

Ungesundes Sorgen ist, wenn du in deinem Geist Szenarien produzierst – immer detaillierter, immer bedrohlicher – über Dinge, die noch gar nicht passiert sind. Und vielleicht nie passieren werden.

Es fühlt sich produktiv an, weil du ja nachdenkst. Du beschäftigst dich mit dem Problem. Du lässt es nicht los.

Aber was passiert dabei wirklich?

Du beschäftigst deinen Geist mit einem negativen Potenzial. Du richtest deine Aufmerksamkeit immer enger auf das, was schiefgehen könnte. Und je länger du das tust, desto mehr klebt dein Denken an diesem Konstrukt – ohne dass dabei eine einzige neue Idee entsteht. Ohne dass sich auch nur das Geringste leichter anfühlt.

Das ist der entscheidende Punkt:

Sorgen schützen uns nicht vor dem, wovor wir Angst haben.

Wenn ich mir Sorgen mache, dass das Gespräch morgen schlecht läuft – verhindere ich damit, dass es schlecht läuft? Nein. Wenn du dir Sorgen machst, dass dein Unternehmen einen wichtigen Kunden verliert – hält dich das davon ab? Nein.

Und gleichzeitig kostet dich jeder dieser Gedanken etwas. Energie. Klarheit. Präsenz.

Sorgen besitzen Schwerkraft. Was wir lange in unseren Gedanken festhalten, beeinflusst uns – körperlich, mental, in der Art, wie wir Entscheidungen treffen und wie wir mit anderen Menschen in Beziehung stehen.



Eine Begegnung, die mich nicht loslässt

Ich arbeite seit Jahren mit Menschen in einem Flüchtlingslager in Nakivale, Uganda. Und letzte Woche war da eine Frau, deren Geschichte mich seitdem begleitet.

Sie ist Witwe und hat sechs Kinder. Ihr Mann lebt nicht mehr. Sie versucht, sich im Camp über Wasser zu halten. Sie wäscht Wäsche für andere Familien, näht Kleider, verdient ein bisschen Geld hier und da. Seit die USAID-Mittel weggefallen sind, ist noch weniger da.

An einem Tag weinten ihre Kinder vor Hunger.

Sie ging zur Nachbarin, bat um Arbeit, um irgendetwas. Die Nachbarin schickte sie weg.

Sie kam nach Hause und fand für einen kurzen Moment innere Stille. Und in dieser Stille begann sie, wieder Hoffnung zu spüren. Morgen werde ich rausgehen. Ich werde etwas finden.

Aber am Abend begannen die Kinder wieder zu weinen. Und ihr Bewusstsein sank. Die Sorge kehrte zurück. Lauter, enger, kreisender. Ihr Blutdruck stieg. Und je mehr sie sich sorgte, desto weniger war sie in der Lage, bei ihren Kindern zu sein. Sie war in ihrem Kopf mit ihren Sorgen gefangen und konnte sie nicht trösten.

Das Sorgen hatte sie von genau den Menschen abgeschnitten, um die sie sich sorgte.

Was mich an dieser Geschichte so bewegt: Diese Frau lebt in einer Situation, die tatsächlich existenziell ist. Die Kinder weinen wirklich. Das Essen fehlt wirklich. Und trotzdem – die kreisenden Sorgen brachten keine Lösung. Es verschloss ihr den Zugang zu ihrer eigenen Kreativität, zu ihren Impulsen, zu ihrer inneren Weisheit.

In Momenten, in denen wir am dringendsten Klarheit brauchen, schüttet uns ungesundes Sorgen den Geist voll. Und genau das ist der Moment, in dem alle Türen zuzugehen scheinen, obwohl sie in Wirklichkeit offenstehen.



Das ist universell – für die Witwe und für den Millionär

Ich habe vor Kurzem mit jemandem gesprochen, der nach dem Verkauf seiner Firma mehrere Millionen auf seinem Konto hatte. Er lag nachts wach. In Sorge, dass sein Geld an der Börse nicht schnell genug wächst. Dass er zu wenig an seine Kinder weitergeben wird.

Es handelte sich um eine achtstellige Summe, und diese Sorge mag absurd klingen. Und gleichzeitig: Es fühlte sich für ihn genauso bedrohlich an wie für jene Mutter in Uganda, die nicht weiß, was ihre Kinder morgen essen werden.

Das ist kein Zynismus. Das ist die Wahrheit über Sorgen:

Sorgen entstehen nicht durch äußere Umstände. Sie entstehen in unserem Denken – unabhängig davon, was draußen wirklich los ist.

Das ist gleichzeitig die erschreckende und die befreiende Nachricht.

Erschreckend, weil ein voller Kühlschrank, ein stabiles Business, ein sicheres Einkommen uns nicht automatisch vor Sorgen schützen.

Befreiend, weil der Ort, von dem aus sich etwas verändern kann, nicht draußen liegt. Er liegt in uns.



Wie du die Gedankenspirale stoppst: Der Moment der Weggabelung

Ich habe bemerkt, dass es im Alltag immer wieder diesen einen Moment gibt.

Einen Moment, in dem die Sorge auftaucht. Ich spüre sie – im Körper, im Gedankenstrom, in einer plötzlichen Enge.

Und dann gibt es eine Weggabelung.

Der eine Weg führt mit der Sorge. Ich kann ihr folgen. Ich kann den Film weiterproduzieren … detaillierter, beängstigender, endloser.

Der andere Weg ist: innehalten. Wahrnehmen. Ah, da ist eine Sorge. Ich sehe dich.

Nicht bekämpfen. Nicht verdrängen. Einfach wahrnehmen.

Denn was ich immer wieder beobachte – in mir selbst, in Menschen, mit denen ich als Coach arbeite, in Frauen im Flüchtlingslager in Uganda – ist Folgendes: Das bloße Wahrnehmen verändert etwas.

Nicht sofort. Nicht dramatisch. Aber etwas wird weicher.

Die Enge, die eben noch wie eine Wand wirkte, beginnt sich zu lockern. Und in diesem lockeren Moment taucht etwas auf – ein Gedanke, ein Impuls, eine Möglichkeit, die zuvor nicht sichtbar war.

Das ist keine Technik. Das ist kein Trick. Das ist einfach das, was passiert, wenn der Geist ruhiger wird.

Lies dazu auch:
Wie du dein Gedankenkarussell stoppst.



Was wirklich hilft: Wahrnehmen, loslassen, dankbar werden

Es gibt drei Dinge, die ich aus meiner eigenen Erfahrung und aus der Arbeit mit vielen Menschen heraus weitergeben möchte.

Wahrnehmen, ohne zu urteilen

Das Erste ist das Einfachste – und das Schwerste: merken, dass man sich gerade sorgt. Nicht als Versagen, sondern als Beobachtung. Ich bin gerade in der Sorge. Ich spüre die Enge. Das klingt banal. Aber allein dieses ehrliche Hinschauen öffnet oft schon ein kleines Fenster.

Weitergehen statt feststecken

In der Sorge steckt eine kindliche Haltung: Ich will mich aber nicht so fühlen. Was hilft, ist die bewusstere Frage: Was möchte ich stattdessen erleben? Wohin will ich eigentlich? Und dann – Schritt für Schritt – in diese Richtung gehen.

Dankbarkeit als Gegengewicht

Das klingt nach einem Tipp aus einem Selbsthilfebuch, ich weiß. Aber ich meine es ernst: Sorgen wachsen, wenn wir sie anschauen. Und Dankbarkeit wächst genauso – wenn wir sie anschauen. Sich hinzusetzen und darüber nachzudenken, wofür man gerade dankbar ist, verändert etwas an der inneren Ausrichtung. Nicht weil das Problem verschwindet. Sondern weil der Geist wieder ein bisschen Raum bekommt.

Lies dazu auch: Gelassener werden im Alltag



Häufige Fragen zum Thema Sorgen loslassen


Was passiert, wenn man sich zu viele Sorgen macht?

Gesundes Sorgen ist ein innerer Impuls, der dich zur Handlung bewegt. Er zeigt dir, dass etwas deine Aufmerksamkeit verdient. Ungesunde Sorgen gehen darüber hinaus: Du konstruierst in Gedanken immer detailliertere Szenarien über Dinge, die noch gar nicht passiert sind. Dabei entsteht keine neue Idee, keine Lösung, nur Enge.

Warum schützt mich Sorgen machen nicht vor dem, was ich befürchte?

Weil Sorgen im Kopf entstehen — nicht in der Realität. Du kannst dir stundenlang ausmalen, wie ein Gespräch schiefläuft, ohne dass das den Ausgang des Gesprächs verändert. Was sich verändert, ist dein innerer Zustand: Du verlierst Energie, Klarheit und den Zugang zu deiner eigenen Kreativität.

Wie kann ich aufhören, mir ständig Sorgen zu machen?

Nicht durch Willenskraft oder Verdrängung. Der erste Schritt ist einfach wahrzunehmen, dass du dich gerade sorgst — ohne dich dafür zu verurteilen. Dieses ehrliche Hinschauen allein verändert oft schon etwas. Darüber hinaus helfen Dankbarkeit als bewusste Gegenbewegung und die Frage: Was möchte ich stattdessen erleben?

Ist es normal, sich trotz eines guten Lebens ständig Sorgen zu machen?

Ja — und das zeigt, dass Sorgen nichts mit den äußeren Umständen zu tun haben. Sorgen entstehen im Denken, nicht in der Realität. Ein voller Kühlschrank, ein stabiles Einkommen, ein funktionierendes Leben schützen uns nicht automatisch davor. Das ist keine Schwäche. Das ist menschlich.



Du bist nicht falsch, weil du dir Sorgen machst

Das möchte ich am Ende noch sagen, weil es mir wichtig ist.

Wir alle machen uns Sorgen. Das gehört zu einem normalen menschlichen Leben. Ich mache das auch. Manchmal mehr, manchmal weniger.

Es gibt nichts Falsches an dir, auch wenn du manchmal in Sorge versinkst. Das sagt nichts über deinen Charakter, deine Stärke oder deine innere Reife aus.

Es gibt nur Momente, in denen du Sorge hast. Und Momente, in denen du in deinem Leben bist.

Und je öfter du lernst, diese beiden Orte zu unterscheiden – je bewusster du wahrnimmst, wo du gerade bist – desto leichter wird es, zurückzukehren. Zu dir. Zu deinem echten Leben. Zum Moment, der jetzt gerade da ist.

Der Pizzakarton auf dem Teppich. Die Kinder am Tisch. Das Gespräch mit einem Menschen, der dir wichtig ist.

Das Leben findet jetzt statt. Nicht in den Szenarien, die dein Kopf entwirft.



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Dieser Artikel spricht dich an? In der entsprechenden Episode von "Leichter leben" gehen wir tiefer in die Thematik ein – mit konkreten Beispielen aus unserer Coaching-Praxis.

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Shailia Stephens ist Life & Business Coach in der Nähe von Frankfurt am Main. Sie begleitet Führungskräfte, Selbständige und Menschen an inneren Wendepunkten zurück zur inneren Ruhe und zum entspannten Erfolg – auf Basis der 3 Prinzipien von Sydney Banks.

 

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